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	<title>Wahlfahrt09 &#187; Grenze</title>
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		<title>Grenzenloser Durchblick in Leidingen</title>
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		<pubDate>Sat, 05 Sep 2009 21:39:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ulrike Linzer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Orte]]></category>
		<category><![CDATA[Frankreich]]></category>
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		<category><![CDATA[SPD]]></category>

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		<description><![CDATA[LEIDINGEN. Warum verläuft eine Bundesgrenze mitten durch ein kleines Dorf? Wie lebt es sich in einem Ort mit zwei Sprachen und zwei Nationen? Um das herauszufinden, ist die Wahlfahrt09 in den äußersten westlichen Zipfel von Deutschland gefahren, 30 Kilometer von Saarbrücken.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="imageblock" style="text-align: right;"><a rel="attachment wp-att-3506" href="http://www.wahlfahrt09.de/orte/grenzenloser-durchblick-in-leidingen/attachment/oskar/"><img class="size-medium wp-image-3506" title="oskar" src="http://www.wahlfahrt09.de/wordpress/wp-content/uploads/2009/09/oskar-600x449.jpg" alt="Foto: Lu Yen Roloff" width="600" height="449" /></a>Foto: Lu Yen Roloff</div>
<p><a href="http://www.wahlfahrt09.de/leidingen">LEIDINGEN</a>. <em>Warum verläuft eine Bundesgrenze mitten durch ein kleines Dorf? Wie lebt es sich in einem Ort mit zwei Sprachen und zwei Nationen? Um das herauszufinden, ist die Wahlfahrt09 in den äußersten westlichen Zipfel von Deutschland gefahren, 30 Kilometer von Saarbrücken.</em></p>
<p><em>Von Ulrike Steinbach und Ulrike Linzer</em></p>
<p>In Leidingen wohnen auf der einen Seite 192 Deutsche, auf der anderen 28 Franzosen. Getrennt durch eine schmale Asphaltstraße, die zwei Namen hat: „Neutrale Straße“ und „Rue de la Frontière“. Um mehr zu erfahren über diese beiden Dörfer Deutsch-Leidingen und Französisch-Leiding, über die Grenze in dem Dorf, wie die Menschen hier ticken und wie sie wählen, verabreden wir uns zu einem Spaziergang mit Alfred Gulden und Wolfgang Schmitt.</p>
<p>Gulden ist Filmemacher aus der Region. Für seinen Film „Grenzfall Leidingen“ bekam er 1983 den deutsch-französischen Journalistenpreis. Zusammen mit Ortsvorsteher Schmitt plant er jetzt ein Kunstprojekt: „Grenzblick“. Auf einer Streuobstwiese hinter der Kirche auf deutscher Seite, von der man auf eine sanfte Hügellandschaft und hinüber auf die nur wenige hundert Meter entfernte französische Kirche gucken kann, erläutern die beiden ihre Pläne.</p>
<p>Neben beiden Kirchen soll jeweils ein Fenster aus Stahl stehen, viereinhalb Meter hoch und fünfeinhalb breit, aus einer Werkshalle der Dillinger Hütte. „In dem Stahlwerk arbeiten Deutsche und Franzosen zusammen“, erzählt Schmitt. Er selbst ist in der Kommunikationsabteilung der Fabrik. Gulden und Schmitt wollen auf Verbindendes zwischen beiden Ortsteilen und beiden Ländern hinweisen. Einen „grenzenlosen Durchblick“ sollen die Fenster schaffen, erklärt Gulden.</p>
<p><strong>Lange passten nicht einmal die Schläuche<br />
</strong><br />
Bisher leben die Bewohner eher aneinander vorbei, sagt Ortsvorsteher Schmitt. Klar, man kenne und grüße sich, „aber jeder macht sein Ding“. Die Franzosen fahren in den nächstgelegenen französischen Ort zum Supermarché, die Leidinger gehen auf der deutschen Seite einkaufen. “Wenn man an der Grenze lebt, grenzt man sich eher ab, als im Mischmasch zweier Kulturen zu verschwinden“, sagt auch Alfred Gulden. „Das hört sich für Leute aus den Bundesländern ohne Grenze erstmal komisch an. Aber es ist so.“ Alfred Gulden erinnert sich an die Dreharbeiten für seinen Leidingen-Film: Sein Team musste alle Genehmigungen für beide Länder haben. In Leidingen gab es zwar weder Schlagbäume noch Zollhäuschen, aber hier patrouillierten regelmäßig die deutschen Zöllner.</p>
<p>Immer sei die Region Spielball der Großmächte gewesen, sagt Schmitt. Mal französisch, mal deutsch. „Hier sieht man noch die Grenzsteine“, sagt er und zeigt auf einen zugewachsenen, verwitterten Stein am Rand der Asphaltstraße. Auf dem Wiener Kongress 1815 wurde die Grenze gezogen, auf dem Reißbrett. Seitdem ist Leidingen geteilt. Aber das scheint hier keinen zu stören. Die meisten Deutsch-Leidinger sprechen kein französisch, sagt Schmitt. Und bis vor kurzem passten die französischen Hydranten und deutsche Feuerwehrschläuche nicht zusammen, so dass im Falle eines Brandes auf französischer Seite die Wehr aus Bouzonville hätte kommen müssen. Dabei hat Leidingen eine eigene freiwillige Feuerwehr.</p>
<p>Bei den Kirchen gibt es eine Zweiteilung, jede Seite hat eine. Früher sei die Kirche auf der deutschen Seite zwar für ein Einzugsgebiet aus französischen und deutschen Dörfern zuständig gewesen, berichtet der Ortsvorsteher, doch im Nationalsozialismus hätten die Franzosen ihre eigene gebaut – damit die Bewohner nicht unter Nazi-Fahnen zur Kirche schreiten mussten.</p>
<p><strong>Volksheld Lafontaine<br />
</strong><br />
Natürlich kommt das Gespräch der beiden bald auf Lafontaine. Und auf die letzen Landtagswahlen, als die Linkspartei 21,3% der Stimmen bekam. &#8220;Die Saarländer sind eben nicht besonders selbstbewusst&#8221;, seufzt Ortsvorsteher Schmitt. Und erklärt: Ein kleines Bundesland hat einen hervorgebracht, der ganz oben mitspielt, der ihnen zu Bekanntheit verhilft. “Das Saarland sieht auf der Landkarte aus wie eine kleine Wildsau, eingequetscht zwischen Rheinland-Pfalz und Frankreich”, sagt Schmitt. “Deshalb wählen sie einen so selbstbewussten Mann wie Lafontaine.” <a href="http://www.wahlfahrt09.de/menschen/herr-schmitt-oskar-und-die-spd/">Und er glaubt, dass viele das wohl auch bei der Bundestagswahl tun werden.</a></p>
<p>Lafontaine ist in dieser Region verwurzelt. Alfred Gulden ist mit ihm befreundet, schon seit Schulzeiten. Sie sind beide in Saarlouis geboren, 15 Kilometer entfernt von Leidingen. Beide haben ihren Wohnsitz in der Region behalten. Gulden lebt im Nachbarort Wallerfangen, Lafontaine im acht Kilometer entfernten Oberlimberg.</p>
<p>Gulden deutet auf die hügelige Grenzlandschaft: “Hier sind wir oft spazieren gegangen.” Beide sprechen moselfränkisch, den Dialekt, den sowohl die Deutsch-Leidinger als auch die Französisch-Leidinger verwenden. Und das verbindet auch. Alfred Gulden erinnert sich, wie er mit Oskar auf dem Mirabellenbaum saß, wie sie in der Umgebung von Wallerfangen wandern waren und sich ständig Leute mit dem Politiker fotografieren lassen wollten. „Eine Frau hielt mit ihrem Auto an, und erzählte, dass ihre Großmutter bis zu ihrem Tod auf ihrem Nachttisch ein gerahmtes Bild von Lafontaine stehen hatte.“ Bewunderung klingt in Guldens Stimme mit.</p>
<p>Lafontaine, der Lokal-Held. Ob ihn auch die französischen Bewohner von Leidingen kennen und schätzen? Allzu sehr interessieren sie sich nicht für deutsche Politik, glaubt Wolfgang Schmitt. Umgekehrt verfolgen die Deutsch-Leidingen auch kaum, was drüben passiert. Das andere Land ist weit weg. Obwohl die Grenze nur eine Straße ist.</p>
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		<title>Aufbau Ost, Abbau West</title>
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		<pubDate>Fri, 21 Aug 2009 15:45:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Trappe</dc:creator>
				<category><![CDATA[Neues]]></category>
		<category><![CDATA[Orte]]></category>
		<category><![CDATA[Grenze]]></category>
		<category><![CDATA[Hof]]></category>
		<category><![CDATA[Subvention]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[HOF. Die Menschen in Hof fühlen sich als Verlierer der Wende. Die Zonenrandförderung ist weggebrochen, statt dessen fließt das Geld nun zu den Nachbarn in Sachsen und Thüringen. Heimische Unternehmer verlieren seitdem Aufträge, nicht wenige sind deswegen wütend. Nun fürchten sie auch noch die neue Konkurrenz aus Tschechien und Polen. Eine Momentaufnahme von Thomas Trappe.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="imageblock">
<p><img class="size-full wp-image-1596 alignleft" title="symbol_handwerk" src="http://www.wahlfahrt09.de/wordpress/wp-content/uploads/2009/08/symbol_handwerk.jpg" alt="Ein Handwerker nach getaner Arbeit." width="600" height="400" /></p>
<p>Foto: Milos Djuric</p></div>
<p><em><a href="http://www.wahlfahrt09.de/hof/">HOF.</a> Die Menschen in Hof fühlen sich als Verlierer der Wende. Die Zonenrandförderung ist weggebrochen, statt dessen fließt das Geld nun zu den Nachbarn in Sachsen und Thüringen. Heimische Unternehmer verlieren seitdem Aufträge, nicht wenige sind deswegen wütend. Nun fürchten sie auch noch die neue Konkurrenz aus Tschechien und Polen. Eine Momentaufnahme von Thomas Trappe.<br />
</em><br />
HOF. Ruhig treten die Männer vom Zoll an die Arbeiter, offenbar Ausländer. Die beiden Fensterputzer zeigen ihre Arbeitsgenehmigung, die Polizisten geben die Daten durch. Ein paar Minuten dauert das Ganze, dann ist wieder Ruhe. Routine eben.</p>
<p>Hof ist Grenzstadt, ehemaliges Dreiländereck. Bis 1990 war hier die innerdeutsche „Zonengrenze“. Nach Ende der DDR blieb nur noch die eine Grenze zu Tschechien. Und auch diese wird durch EU und Schengen langsam bedeutungslos. Schwarzarbeit mag ein Problem in Hof sein, viel mehr beäugen die Arbeitnehmer hier aber die legale Konkurrenz. Sie kommt mit niedrigeren Löhnen aus dem nahen Sachsen und Thüringen, sie wird bald zusätzlich aus Tschechien und Polen kommen, davon gehen hier viele aus.</p>
<p>Der Mauerfall bedeutete für die 50.000-Einwohner-Stadt seinerzeit Boomjahre. Scharenweise kamen die neuen Bundesbürger in die Stadt, kauften buchstäblich die Schaufenster leer. Daran erinnert sich Michael Schmidt sehr gut. Er ist Handwerksmeister mit eigenem Sanitärfachgeschäft in Hof, eines der Größten in der Stadt. Der Endvierziger weiß noch sehr genau, wie die Ostdeutschen damals kamen, Ladenbesitzer Mühe hatten, die Lager wieder schnell genug aufzufüllen. „Es bestand ein ungeheurer Nachholbedarf“, sagt er. Der Kaufrausch hielt gut drei Jahre, so Schmidt. Danach konnte man auch im Osten ganz gut einkaufen.</p>
<p>In  Hof folgte die Katerstimmung, die bis heute nicht verflogen ist. Denn statt zum Shoppen kamen die Ostdeutschen nun zum Arbeiten. Einheimische Handwerker verloren Aufträge, weil sie mit den Preisen der Konkurrenz nicht mithalten konnten. „Es gibt dieses massive Lohngefälle von Ost nach West immer noch“, sagt Schmidt, das mache sich in den Preisen der Handwerker bemerkbar. Viele Hofer sparten auch heute noch Geld, indem sie Aufträge an die Nachbarn im Osten vergäben. Auch öffentliche Ausschreibungen würden überproportional häufig nach Sachsen und Thüringen vergeben.<br />
<strong><br />
&#8220;Die Investoren sind schon oft um fünf vor zwölf abgesprungen&#8221;</strong></p>
<p>Christian Damm von der Hofer Industrie- und Handelskammer (IHK) ist oft dabei, wenn es in seiner Stadt darum geht, neue Investoren zu gewinnen. Deshalb kennt der ehemalige Bankdirektor auch die Situation, dass auf der grünen Wiese schon der erste Spatenstich besprochen wird, der Interessent es sich dann aber kurzfristig anders überlegt und in den neuen Bundesländern baut. „Wenn ein Betrieb in Hof 30 Prozent Förderung bekommt, kriegt er in Thüringen 50“, nennt Damm ein Beispiel. Bei vielen Ansiedlungsprojekten sei man in der Stadt „schon oft bei fünf vor zwölf gewesen, dann ist der Investor abgesprungen, weil er ein paar Kilometer weiter mehr finanzielle Unterstützung bekommen hat“, sagt er.</p>
<p>Dem Lohngefälle West-Ost steht also ein Fördergefälle Ost-West gegenüber. Handwerker, die Lohnkosten sparen, bekommen oben drauf auch noch mehr Unterstützung vom Staat, so kommt das hier an in der Stadt. Dass „man sich da benachteiligt fühlt“, sei da ganz klar, sagt Schmidt.</p>
<p>Vor der Wende gab es in Hof noch die „Zonenrandförderung“, damit sollte der Verlust des Absatzgebietes in Mitteldeutschland ausgeglichen werden. Das Geld fließt seitdem in die Nachbargemeinden in Sachsen und Thüringen. Die Unternehmen hier haben „auf jeden Fall Geld verloren durch den Aufbau Ost“, sagt Damm. Logisch, „dass da manchmal Ärger aufkommt“.</p>
<p>Etwas handfester wird das Stimmungsbild, hört man sich etwas in der Stadt um. „Es kommt einem die Galle hoch, wenn so ein Ossi herkommt und alles besser weiß“, sagt ein Handwerker, die um ihn versammelten Kollegen nicken, sie sehen das ganz ähnlich. Erst vor kurzem habe ihm ein sächsischer Kollege eine Tür geliefert, „vor&#8217;s Geschäft geknallt, und weg war er. Das hätte sich von uns keiner getraut“, meint er. Der Mann, der einen Allround-Dienstleistungsbetrieb leitet, möchte seinen Namen nicht nennen. Er hat sich nach eigener Aussage aber inzwischen mit den Nachbarn irgendwie arrangiert, um nicht zu sagen: Abgefunden.<br />
<strong><br />
&#8220;Als Ostdeutscher muss man hier vorsichtig sein&#8221;</strong></p>
<p>Nicht nur die Hofer Unternehmen sehen negative Folgen der Wiedervereinigung, sondern auch die einheimischen Arbeitnehmer. Schließlich gibt es knapp 3000 Pendler aus dem Osten, die hier arbeiten, in die Gegenrichtung fährt kaum jemand. Vor allem im Einzelhandel sind Ostdeutsche als Arbeitskräfte gefragt, da sie auch im Westen nur nach Osttarif gezahlt werden müssen. &#8220;Außerdem sind wir eher bereit, auch mal am Sonntag zu arbeiten oder Überstunden zu machen“, meint Steve aus dem sächsischen Plauen. Steve ist 29 Jahre alt und arbeitet seit kurzem als Maler in Hof. Seinen Nachnamen behält er lieber für sich. „Man muss hier als Ostdeutscher einfach vorsichtig sein, dass man nichts Falsches sagt“, meint er.</p>
<p>Roland Hetzel zeichnet eine Treppenstufe in die Luft, wenn er das Fördergefälle zwischen Hof und der ehemaligen Grenze darstellen will. Viel zu spürbar sei der Unterschied, „das müsste fließender geschehen“, sagt der Hofer Unternehmensberater, der schon einige Handwerker in Oberfranken in die Selbstständigkeit begleitet hat. Er weiß, dass vielen Oberfranken der Aufbau Ost zu sehr zu Lasten des nahen Westens geht. „Die Politiker sehen eben einfach nur auf die Landkarte und fällen dann aus der Ferne ihre Entscheidung“, sagt er. Was das beim Aufbau Ost für Städte wie Hof bedeutet, werde dabei leider übersehen.</p>
<p>„Politiker gehören nicht immer zur denkenden Elite“, sagt Hetzel dann auch nur halb im Scherz. Seine Meinung ist keine Rarität in der Stadt. Der Vorwurf, die Politiker verstünden nicht, was in Hof los ist, kommt nur selten ohne den zusätzlichen Hinweis, dass sie „weit weg“ seien. Zwischen Hof und München liegt ein ganzer Freistaat, von Berlin braucht man gar nicht zu reden. Dass gegen die Aufbau-Ost-Politik des Bundes von Landespolitikern nur wenig entgegengesetzt werde, verwundert aus dieser Perspektive freilich nicht. Es ist nicht unbedingt Politikverdrossenheit, die einem hier begegnet. Eher das Gefühl, dass man sich als Hofer besser erst mal selbst kümmern sollte.<br />
<strong><br />
Angst vor der Öffnung der Grenzen nach Tschechien und Polen</strong></p>
<p>Und nun also auch noch Tschechien und Polen. Die absehbare Öffnung der Grenzen nach Deutschland auch für Handwerker „macht insgesamt Angst“, räumt Unternehmensberater Hetzel ein. Er geht davon aus, dass viele große Aufträge bald in die Nachbarstaaten gehen, „da spart man schon mal bis zu 20 Prozent“. Und der Hofer Allround-Handwerker, der seinen Namen nicht nennen will, fragt nur, was „die denn hier wollen?“. Er meint die Tschechen und Polen.</p>
<p>Insgesamt geben sich die Unternehmer in Hof aber noch selbstbewusst. Handwerksmeister Schmidt ist sicher, dass Hofer kaum Aufträge ins nahe Ausland vergeben werden, schlicht, weil sie „bei uns“ bessere Qualität geliefert bekämen. Auch Christian Damm von der IHK setzt auf einen Qualitätsvorsprung in Deutschland, der vor allem auf einer bessere technischen Ausrüstung beruhe. Die bedeutungsloser werdende Grenze habe vielmehr Vorteile, da die Hofer Handwerker so an neue Kunden kämen, meint er.</p>
<p>Doch nicht jeder glaubt in der Stadt an die Stärke des Hofer Handwerks oder an die Schwäche der polnischen und tschechischen Konkurrenz. Unternehmensberater Hetzel ist sicher, dass der technische Vorsprung der Hofer Unternehmen bald von den Nachbarn aufgeholt ist. „Die Lohndifferenz wird dagegen wohl noch länger bestehen.“</p>
<p>Die Menschen aus Hof erwarten die nächste offene Grenze mit gemischten Gefühlen.</p>
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		<title>„Wenn die Züge heil ankommen, dann ist das DDR-System kaputt“</title>
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		<pubDate>Fri, 21 Aug 2009 12:56:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lena Gürtler</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Grenze]]></category>
		<category><![CDATA[Hof]]></category>

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		<description><![CDATA[HOF. Die Züge waren der Anfang vom Ende. Am 1. Oktober 1989 erreichen 5500 DDR-Flüchtlinge per Bahn die Bundesrepublik. Wochenlang hatten sie dafür in der Prager Botschaft ausgeharrt. Erste Station: Hof. Am Bahnsteig stand Friedrich Sticht. Ein Gespräch über einen unfassbaren Moment und seine Folgen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="imageblock alignleft"><img class="alignleft size-full wp-image-2357" title="Pastor Schlicht Hof" src="http://www.wahlfahrt09.de/wordpress/wp-content/uploads/2009/09/Pastor-Schlicht-Hof.jpg" alt="Pastor Schlicht Hof" width="300" height="400" /></p>
<p>Foto: Lu Yen Roloff</p></div>
<p><a href="http://www.wahlfahrt09.de/hof/">HOF</a> &#8211; <em>Die Züge waren der Anfang vom Ende. Am 1. Oktober 1989 erreichen 5500 DDR-Flüchtlinge per Bahn die Bundesrepublik. Wochenlang hatten sie dafür in der Prager Botschaft ausgeharrt. Erste Station der Flüchtlinge auf ihrem Weg in die ungewisse Freiheit: Hof. Als Geschäftsführer des Diakonischen Werkes empfing Friedrich Sticht damals die Flüchtlinge am Bahnsteig. Ein Gespräch über einen unfassbaren Moment und seine Folgen</em>.</p>
<p><em>Konnten Sie sich in Hof auf die DDR-Flüchtlings-Züge vorbereiten?<br />
</em><br />
Am Vorabend des 1. Oktober wurde ich angerufen, dass die Bahnhofsmission in Funktion treten sollte, weil Züge aus Prag kommen. Wir wussten, dass der damalige Außenminister Dietrich Genscher verkündet hatte, dass Züge fahren würden. Aber wie das Ganze ablaufen sollte, wusste kein Mensch. Ich habe dann meine Bahnhofsmissionsmitarbeiter aktiviert. Es kamen auch immer mehr andere Hilfsdienste, neben der Diakonie auch die Caritas, das Rote Kreuz, die Arbeiterwohlfahrt, das technische Hilfswerk und eine Menge Bahnpolizei. Und dann haben wir gewartet. Es wurden immer neue Ankunftstermine durchgegeben. Wie wir die Nacht verbracht haben, weiß ich nicht mehr.<br />
<em><br />
Erinnern Sie sich an den Moment als die Züge ankamen?<br />
</em><br />
Als bekannt wurde, dass die Züge kurz vor Hof sind, sind wir rausgegangen und haben geschaut, was passiert eigentlich. Und dann der unendliche Jubel, die Begeisterung. Als die Züge eingefahren waren, sind viele gleich aus dem Zug rausgesprungen. An den Fenstern wurde gejubelt. Es war eine Begeisterung und Verbrüderung. Es war einfach wunderschön.</p>
<p><em>Was haben sie in diesem Augenblick gedacht?<br />
</em></p>
<p>Ich wusste ja, wenn sich hier was ereignet, dann ist es ein welthistorischer Augenblick. Wenn die Züge aus Prag wirklich heil hier ankommen, dann ist das DDR-System kaputt. Das ist eine Schleusentür, die nicht mehr zuzumachen ist. So war es ja dann auch. Mein erster Eindruck war: Es ist unglaublich. Wir hatten die Grenze in Hof sehr bitter erlebt. Wenn man nur ein paar Schritte rausgefahren ist aus Hof, dann war die Grenze überall in ihrer ganzen Entsetzlichkeit. Wir hatten nicht erwartet und nicht erhofft, dass sie eines Tages aufgehen könnte. Dann ist es doch passiert. Ich habe gedacht: Es ist unfassbar.</p>
<p><em>Und welchen Eindruck haben die Leute aus den Zügen auf sie gemacht?<br />
</em><br />
Die waren alle euphorisiert. Natürlich trugen sie zum Teil Spuren des langen Aufenthaltes in der Botschaft. Unterwegs hatten sie schon etwas Essen und Trinken bekommen, auch Sekt und Rotwein. Wir haben dann versucht, sie zu versorgen. Wir haben Unmengen Tee und Kakao gekocht. Das, was wir auf die Schnelle bereitstellen konnten. Ich weiß nicht, wie viele hiergeblieben sind. Die wurden dann von der Stadt versorgt. Aber die meisten fuhren weiter. Nach der ersten Begrüßung in Hof sind die Züge nach ein bis zwei Stunden wieder weiter gefahren.<br />
<em><br />
Stimmt es, dass einige Flüchtlinge noch Sommerkleidung an hatten?<br />
</em></p>
<p>Ja, die kamen zum Teil wirklich in Sommersachen an. Offiziell waren sie ja auf Urlaub und hatten sich eben dementsprechend unauffällig gekleidet. Zum Teil haben die arg gefroren. Die Hofer haben sofort unendlich viel gespendet. Es gab Berge von Kleidern,  Lebensmittel,  die Leute haben ihre Kühlschränke geleert. Die Gastfreundschaft der Hofer war damals riesig. Es durfte ja keiner auf den Bahnhof, aber die Leute haben die Sachen an den Polizeisperren abgegeben. Die Hofer waren unglaublich aufgeschlossen und hilfsbereit.</p>
<p><em>Was haben die Leute, die hier ankamen, am meisten gebraucht?<br />
</em><br />
Die wollten sich natürlich erst mal mit Kleidung versorgen. Manche waren auch hungrig. Aber das Materielle war in dem Augenblick zweitrangig. Was sie gebraucht haben, war eigentlich nur das Gefühl, sie werden aufgenommen. Das Materielle kam später sehr bald natürlich, aber zunächst mal mussten sie aufgenommen werden und die Freundlichkeit hier erfahren. Viele waren von der Freundlichkeit hier überrascht.</p>
<p><em>Gab es für Sie in all diesem Trubel einen besonderen Moment?<br />
</em><br />
Ich erinnere mich,  dass aus dem ganzen Bundesgebiet Angehörige und Freunde ihre Leute sprechen wollten. Dann haben wir in der Bahnhofsmission einen Sammelpunkt für Familienzusammenführungen eingerichtet. Und ich habe dann über den Bahnhofslautsprecher bekannt gegeben: „Familie X sucht Familie Y.“ Oder „Frau Z. sucht ihren Sohn.“ Lange Listen habe ich durchgegeben, die ständig von Bahnbeamten erneuert wurden. Das war unglaublich schön.</p>
<p><em>Gab es damals schon Hofer, die gesagt haben: „Was kommt da auf uns und auf die BRD zu“?<br />
</em></p>
<p>Nein, das gab es überhaupt nicht. An eventuelle negative Folgen der Grenzöffnung hat damals niemand gedacht. Wir haben einfach nur gedacht: Es ist unglaublich, dass die Grenzen geöffnet worden sind und wir so aus dem letzten Ende der Welt für einige Zeit in den Mittelpunkt  geraten.</p>
<p><em>Ist die Stimmung in Hof irgendwann umgeschlagen?<br />
</em><br />
Ja, das ist natürlich passiert. Als die Grenze im November komplett geöffnet wurde und jeden Tag hunderttausende Menschen in die Stadt kamen und schon um halb neun unsere Geschäfte leer gekauft waren. Da haben schon Einige gemault. Man muss wissen, die Oberfranken und die Sachsen waren schon immer Konkurrenten. Als die Sachsen bereits maschinelle Webereien hatten, hatten wir noch Handweber. Die Sachsen waren uns oft ein bisschen voraus. Wir hier in Hof sind konservativ. Diese Konkurrenz ist dann auch wieder hochgekommen.</p>
<p><em>Hof hat mit dem Fall der Mauer seine Bedeutung als Grenzort verloren.<br />
</em></p>
<p>Ja, vielleicht. Das Problem ist das Fördergefälle. Die neuen Länder und jetzt auch Tschechien werden von der Europäischen Union gefördert. Und Hof hat seinen Förderstatus verloren. Wir haben früher in der Diakonie viele Gebäude mit Hilfe von Grenzlandförderung gebaut. Das ist leider bald weggefallen. Man hätte mehr aufpassen müssen, dass der Förderabstand zwischen alten und neuen Ländern nicht so groß wird. Hof hat zwar seine Rolle als Grenzort verloren. Aber wenn man überlegt: Von hier aus sind es überall hin 300 Kilometer – nach München, nach Frankfurt, nach Berlin, nach Prag. Das haben wir gewonnen. Natürlich fühlen wir uns politisch als Nabel der Welt. Aber das Gefühl hat wohl jeder Ort.<br />
<em><br />
Haben die Leute aus der DDR, die hier geblieben sind, das Bild in Hof geprägt?</em></p>
<p>Eine ganze Anzahl meiner ehemaligen besten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kommen von drüben. Viele, gerade auch Frauen, haben sich mehr über den Beruf definiert. Auch hier bei der <a href="http://www.die-hofer-tafel.de">„Hofer Tafel“</a> habe ich einige solcher ehrenamtlicher Mitarbeiter. Manchmal gibt es dann mit den Einheimischen Probleme, weil die sagen, „Die sind zu fix, die reden zu schnell, die sind zu schlagfertig“, während wir Hofer das nicht so sind. Aber auch solche Konflikte haben wir inzwischen überwunden.<br />
<em><br />
Ist die Grenzöffnung im Rückblick also eine Erfolgsgeschichte? </em></p>
<p>Es war großartig. Aber die politische Entwicklung danach ist nicht optimal gelaufen. Mir wäre es lieber gewesen, wenn man die Chance genutzt hätte, nach dem Beitritt der DDR ein gemeinsames neues Grundgesetz dem Volk zur Abstimmung  zu überlassen. Der Einmarsch der CDU durch Kohl hat mir nicht gut gefallen. Das war die Ausnutzung einer Schwächeperiode. Viele Ex-DDR-Bürger haben das der Politik immer noch nicht ganz verziehen. Zumal dann auch noch einige Versprechen gebrochen wurden. Daher gibt es jetzt vielleicht diese Politikmüdigkeit in der ehemaligen DDR. Man kann nur hoffen, dass die Jugendlichen zwar nicht vergessen, wo  sie herkommen, aber dass vielleicht trotzdem eine neue gesamtdeutsche politische Kultur entsteht.</p>
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