“Die Flughafenlobby schreibt sich die Gesetze selbst”
02.09.2009 12:00, Lu Yen RoloffERDING. Martin Eibl (48) steht im Garten seines Einfamilienhauses am Ortsrand von Berglern. Gleich hinter dem Garten beginnen die Felder. Vögel zwitschern, es könnte ein Idyll sein. Dann durchschneidet Flugzeuglärm die Luft und Eibl muss seine Stimme kurz heben. Nur zwei Kilometer von seinem Haus entfernt führt die Einflugschneise vom Flughafen Franz Josef Strauß entlang. Auch aus diesem Grund ist der Elektroingenieur Mitbegründer der Bürgerinitative Berglern, die sich gegen den geplanten Ausbau der dritten Start- und Landebahn wehrt:
„Momentan fliegen die Flugzeuge in ca. 800 m Höhe über den südlichen Ortsteil. Die Bevölkerung ist durch den Fluglärm schon sehr belastet. Wenn die neue Landebahn kommt, wird eine weitere Einflugschneise den Ort mit Lärm überfluten. Die Flugzeuge werden dann in nur ca. 300 m Höhe über unser Zentrum mit Kindergärten, Schule und Kirche donnern.“
Die Gemeinden im Kreis Erding sind wohlhabend, viele ansässige Unternehmen profitieren von der internationalen Anbindung an den Geschäftsverkehr. Deswegen habe sich die Bevölkerung von Berglern mit dem Flughafen arrangiert, aber:
„Die Bevölkerung von Berglern wehrt sich gegen den zügellosen Ausbau. Der Flughafen hat eine Kapazität von mindestens ca. 55. Mio Passagieren und ist derzeit erst zu etwa 60 % ausgelastet. Der Ausbau ist nur den Expansionsplänen der Lufthansa geschuldet, die ihren Flugverkehr immer mehr in München zentralisieren will – obwohl es im Einzugsgebiet München gar nicht genug Fluggäste gibt.“
Ihre Hauptgegner sehen die Mitglieder der Bürgerinitiativen gegen die dritte Start- und Landebahn in den Lobbygruppen großer Fluggesellschaften wie der Lufthansa.
„Die Ministerien holen Flugunternehmen und Flughafenbetreiber als Sachverständige für die Erarbeitung von Gesetzen und Verordnungen. Die Lobbyisten von der FMG (Flughafen München GmbH) und der Fraport (Frankfurt) sitzen direkt mit im Ministerium und machen die Politik, die uns am Ende betrifft. Die Luftfahrt schreibt also seit Jahren ihre Gesetze selbst. Die betroffenen Gemeinden und ihre Bevölkerung bleiben außen vor.“
Foto: Milos Djuric
Der Lärm vom Flughafen sei schlafstörend, sagt Eibl. Doch das Lärmschutzgesetz schütze nicht die Bewohner von Berglern, sondern in Wirklichkeit die Fluggesellschaften selbst.
„Beispielsweise wird der Durchschnittslärm als Maß für die Betroffenheit über einen bestimmten Zeitraum ermittelt und daraus der so genannte Dauerschallpegel gebildet. Aber so ein Dauerschallpegel nützt ihnen wenig, wenn eine große A 340-Maschine startet und übers Dorf fliegt, dann ist Schicht. Da können sie Mittelwerte bilden, soviel sie wollen, wenn sie nachts aus dem Bett geworfen werden.“
Eibl vermisst auch die Transparenz in den politischen Entscheidungsprozessen rund um den Flughafen. Von vornherein sei die Bevölkerung bei den Plänen rund um den Flughafen im Unklaren gelassen worden.
„Das Problem ist, dass 1993 der Flughafen München II als Ersatzflughafen für den Flughafen München-Riem in Betrieb genommen wurde. Nach 10 Jahren sagten die Politiker dann auf einmal, dass es kein Ersatzflughafen mehr sein soll, sondern ein Drehkreuz für den internationalen Flugverkehr. Wir betroffenen Bürger wurden über Jahre nicht richtig informiert.
Der Freistaat Bayern ist mit 51 % Hauptgesellschafter der FMG und für die wirtschaftliche Entwicklung verantwortlich. Gleichzeitig soll die Regierung von Oberbayern als Verwaltungsorgan des Freistaates beurteilen, ob die die Ausbaupläne genehmigungsfähig sind. Die so genannte Demokratie verkommt da zum Treppenwitz. Wir werden systematisch von der Politik für dumm verkauft und unsere Gesundheit und Heimat den wirtschaftlichen Interessen der Luftfahrtindustrie, vor allem der Lufthansa, untergeordnet.“
Foto: Milos Djuric
Das Argument des Geschäftsführers der FMG Michael Kerkloh, dass durch den Flughafenausbau mehr Arbeitsplätze geschaffen würden, läßt Eibl nicht gelten:
„Die Flughafenlobby legt den Politikern nahe, dass sonst die Arbeitsplätze verschwinden. Das Gegenteil ist aber der Fall. Die FMG möchte immer mehr Verkehr in München konzentrieren. Insgesamt ist der Flugverkehr rückläufig und durch die Zentralisierung gehen immer mehr Arbeitsplätze verloren. Zum Einen verschwinden die Arbeitsplätze kleiner Fluggesellschaften, die von der Lufthansa aufgekauft werden, etwa bei der Air Dolomiti oder der Austrian.
Dazu kommt, dass die Arbeitsplätze, die entstehen, Billigjobs sind. Die FMG versucht seit einigen Jahren die Bodenverkehrsdienste zu privatisieren, weil die Kosten zu hoch sind. Privatisieren heißt in diesem Fall die Personalkosten senken. Die Leute können mit ihrer Arbeit ihre Lebenshaltungskosten nicht mehr bestreiten. Was wiederum bedeutet, dass sie zusätzliche Unterstützung durch den Staat benötigen, bzw. von weit her pendeln müssen und viele Pendler bedeuten noch mehr Verkehr und noch mehr Belastung.“
Die politischen Konsequenzen sind für den Gemeinderat Eibl klar:
„Ich glaube nicht, dass hier bei der Bundestagswahl viele Leute zur Wahl gehen werden. Die CSU hat das im letzten Jahr sehr zu spüren bekommen, dass sie von den umliegenden Gemeinden des Flughafens abgestraft worden ist. Ich sitze selbst im Gemeinderat, deswegen werde ich wohl wählen müssen, aber ich weiß wirklich momentan nicht, wen ich da wählen soll.
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