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„Wenn die Züge heil ankommen, dann ist das DDR-System kaputt“

21.08.2009 14:56, Lena Gürtler
Pastor Schlicht Hof

Foto: Lu Yen Roloff

HOFDie Züge waren der Anfang vom Ende. Am 1. Oktober 1989 erreichen 5500 DDR-Flüchtlinge per Bahn die Bundesrepublik. Wochenlang hatten sie dafür in der Prager Botschaft ausgeharrt. Erste Station der Flüchtlinge auf ihrem Weg in die ungewisse Freiheit: Hof. Als Geschäftsführer des Diakonischen Werkes empfing Friedrich Sticht damals die Flüchtlinge am Bahnsteig. Ein Gespräch über einen unfassbaren Moment und seine Folgen.

Konnten Sie sich in Hof auf die DDR-Flüchtlings-Züge vorbereiten?

Am Vorabend des 1. Oktober wurde ich angerufen, dass die Bahnhofsmission in Funktion treten sollte, weil Züge aus Prag kommen. Wir wussten, dass der damalige Außenminister Dietrich Genscher verkündet hatte, dass Züge fahren würden. Aber wie das Ganze ablaufen sollte, wusste kein Mensch. Ich habe dann meine Bahnhofsmissionsmitarbeiter aktiviert. Es kamen auch immer mehr andere Hilfsdienste, neben der Diakonie auch die Caritas, das Rote Kreuz, die Arbeiterwohlfahrt, das technische Hilfswerk und eine Menge Bahnpolizei. Und dann haben wir gewartet. Es wurden immer neue Ankunftstermine durchgegeben. Wie wir die Nacht verbracht haben, weiß ich nicht mehr.

Erinnern Sie sich an den Moment als die Züge ankamen?

Als bekannt wurde, dass die Züge kurz vor Hof sind, sind wir rausgegangen und haben geschaut, was passiert eigentlich. Und dann der unendliche Jubel, die Begeisterung. Als die Züge eingefahren waren, sind viele gleich aus dem Zug rausgesprungen. An den Fenstern wurde gejubelt. Es war eine Begeisterung und Verbrüderung. Es war einfach wunderschön.

Was haben sie in diesem Augenblick gedacht?

Ich wusste ja, wenn sich hier was ereignet, dann ist es ein welthistorischer Augenblick. Wenn die Züge aus Prag wirklich heil hier ankommen, dann ist das DDR-System kaputt. Das ist eine Schleusentür, die nicht mehr zuzumachen ist. So war es ja dann auch. Mein erster Eindruck war: Es ist unglaublich. Wir hatten die Grenze in Hof sehr bitter erlebt. Wenn man nur ein paar Schritte rausgefahren ist aus Hof, dann war die Grenze überall in ihrer ganzen Entsetzlichkeit. Wir hatten nicht erwartet und nicht erhofft, dass sie eines Tages aufgehen könnte. Dann ist es doch passiert. Ich habe gedacht: Es ist unfassbar.

Und welchen Eindruck haben die Leute aus den Zügen auf sie gemacht?

Die waren alle euphorisiert. Natürlich trugen sie zum Teil Spuren des langen Aufenthaltes in der Botschaft. Unterwegs hatten sie schon etwas Essen und Trinken bekommen, auch Sekt und Rotwein. Wir haben dann versucht, sie zu versorgen. Wir haben Unmengen Tee und Kakao gekocht. Das, was wir auf die Schnelle bereitstellen konnten. Ich weiß nicht, wie viele hiergeblieben sind. Die wurden dann von der Stadt versorgt. Aber die meisten fuhren weiter. Nach der ersten Begrüßung in Hof sind die Züge nach ein bis zwei Stunden wieder weiter gefahren.

Stimmt es, dass einige Flüchtlinge noch Sommerkleidung an hatten?

Ja, die kamen zum Teil wirklich in Sommersachen an. Offiziell waren sie ja auf Urlaub und hatten sich eben dementsprechend unauffällig gekleidet. Zum Teil haben die arg gefroren. Die Hofer haben sofort unendlich viel gespendet. Es gab Berge von Kleidern, Lebensmittel, die Leute haben ihre Kühlschränke geleert. Die Gastfreundschaft der Hofer war damals riesig. Es durfte ja keiner auf den Bahnhof, aber die Leute haben die Sachen an den Polizeisperren abgegeben. Die Hofer waren unglaublich aufgeschlossen und hilfsbereit.

Was haben die Leute, die hier ankamen, am meisten gebraucht?

Die wollten sich natürlich erst mal mit Kleidung versorgen. Manche waren auch hungrig. Aber das Materielle war in dem Augenblick zweitrangig. Was sie gebraucht haben, war eigentlich nur das Gefühl, sie werden aufgenommen. Das Materielle kam später sehr bald natürlich, aber zunächst mal mussten sie aufgenommen werden und die Freundlichkeit hier erfahren. Viele waren von der Freundlichkeit hier überrascht.

Gab es für Sie in all diesem Trubel einen besonderen Moment?

Ich erinnere mich, dass aus dem ganzen Bundesgebiet Angehörige und Freunde ihre Leute sprechen wollten. Dann haben wir in der Bahnhofsmission einen Sammelpunkt für Familienzusammenführungen eingerichtet. Und ich habe dann über den Bahnhofslautsprecher bekannt gegeben: „Familie X sucht Familie Y.“ Oder „Frau Z. sucht ihren Sohn.“ Lange Listen habe ich durchgegeben, die ständig von Bahnbeamten erneuert wurden. Das war unglaublich schön.

Gab es damals schon Hofer, die gesagt haben: „Was kommt da auf uns und auf die BRD zu“?

Nein, das gab es überhaupt nicht. An eventuelle negative Folgen der Grenzöffnung hat damals niemand gedacht. Wir haben einfach nur gedacht: Es ist unglaublich, dass die Grenzen geöffnet worden sind und wir so aus dem letzten Ende der Welt für einige Zeit in den Mittelpunkt geraten.

Ist die Stimmung in Hof irgendwann umgeschlagen?

Ja, das ist natürlich passiert. Als die Grenze im November komplett geöffnet wurde und jeden Tag hunderttausende Menschen in die Stadt kamen und schon um halb neun unsere Geschäfte leer gekauft waren. Da haben schon Einige gemault. Man muss wissen, die Oberfranken und die Sachsen waren schon immer Konkurrenten. Als die Sachsen bereits maschinelle Webereien hatten, hatten wir noch Handweber. Die Sachsen waren uns oft ein bisschen voraus. Wir hier in Hof sind konservativ. Diese Konkurrenz ist dann auch wieder hochgekommen.

Hof hat mit dem Fall der Mauer seine Bedeutung als Grenzort verloren.

Ja, vielleicht. Das Problem ist das Fördergefälle. Die neuen Länder und jetzt auch Tschechien werden von der Europäischen Union gefördert. Und Hof hat seinen Förderstatus verloren. Wir haben früher in der Diakonie viele Gebäude mit Hilfe von Grenzlandförderung gebaut. Das ist leider bald weggefallen. Man hätte mehr aufpassen müssen, dass der Förderabstand zwischen alten und neuen Ländern nicht so groß wird. Hof hat zwar seine Rolle als Grenzort verloren. Aber wenn man überlegt: Von hier aus sind es überall hin 300 Kilometer – nach München, nach Frankfurt, nach Berlin, nach Prag. Das haben wir gewonnen. Natürlich fühlen wir uns politisch als Nabel der Welt. Aber das Gefühl hat wohl jeder Ort.

Haben die Leute aus der DDR, die hier geblieben sind, das Bild in Hof geprägt?

Eine ganze Anzahl meiner ehemaligen besten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kommen von drüben. Viele, gerade auch Frauen, haben sich mehr über den Beruf definiert. Auch hier bei der „Hofer Tafel“ habe ich einige solcher ehrenamtlicher Mitarbeiter. Manchmal gibt es dann mit den Einheimischen Probleme, weil die sagen, „Die sind zu fix, die reden zu schnell, die sind zu schlagfertig“, während wir Hofer das nicht so sind. Aber auch solche Konflikte haben wir inzwischen überwunden.

Ist die Grenzöffnung im Rückblick also eine Erfolgsgeschichte?

Es war großartig. Aber die politische Entwicklung danach ist nicht optimal gelaufen. Mir wäre es lieber gewesen, wenn man die Chance genutzt hätte, nach dem Beitritt der DDR ein gemeinsames neues Grundgesetz dem Volk zur Abstimmung zu überlassen. Der Einmarsch der CDU durch Kohl hat mir nicht gut gefallen. Das war die Ausnutzung einer Schwächeperiode. Viele Ex-DDR-Bürger haben das der Politik immer noch nicht ganz verziehen. Zumal dann auch noch einige Versprechen gebrochen wurden. Daher gibt es jetzt vielleicht diese Politikmüdigkeit in der ehemaligen DDR. Man kann nur hoffen, dass die Jugendlichen zwar nicht vergessen, wo sie herkommen, aber dass vielleicht trotzdem eine neue gesamtdeutsche politische Kultur entsteht.

 

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